KI und die Zukunft der Arbeit: Wer gewinnt, wer verliert

In den ersten fünf Monaten des Jahres 2025 haben US-Arbeitgeber 696.309 Stellenstreichungen angekündigt, ein Anstieg von 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Fast 48.000 dieser Entlassungen wurden explizit auf KI zurückgeführt, der zweithäufigste Grund nach allgemeinem Personalabbau. Microsoft hat 6.000 Stellen gestrichen. IBM hat 8.000 Mitarbeiter entlassen, da KI-Agenten Aufgaben in der Personalabteilung übernahmen. Die Zahlen klingen alarmierend. Aber sie erzählen nur die halbe Geschichte.
Das World Economic Forum prognostiziert, dass KI bis 2030 weltweit 170 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen wird, während 92 Millionen wegfallen. Die Nettorechnung: 78 Millionen Jobs mehr. Die Frage ist nicht, ob es genug Arbeit geben wird, sondern ob die Menschen, die ihre Jobs verlieren, auch die Menschen sein werden, die die neuen bekommen.
Die Betroffenen: Einstiegsjobs unter Druck
Die überraschendste Erkenntnis aus den Daten von 2025: Es sind nicht die einfachen, manuellen Jobs, die als Erste verschwinden. Es sind die Einstiegspositionen für Akademiker. Goldman Sachs berichtet, dass die Arbeitslosigkeit unter 20- bis 30-Jährigen in technologienahen Berufen seit Anfang 2025 um fast 3 Prozentpunkte gestiegen ist. Im Vereinigten Königreich sind die Stellenangebote für Tech-Absolventen laut Institute of Student Employers um 46 Prozent eingebrochen.
Eine Harvard-Studie, die 62 Millionen LinkedIn-Profile und 200 Millionen Stellenanzeigen analysierte, fand einen klaren Zusammenhang: Unternehmen, die generative KI einführen, stellen deutlich weniger Berufseinsteiger ein. Die Zahl der Senior-Einstellungen blieb stabil. Der Verlust konzentrierte sich auf Positionen mit hoher KI-Exposition.
Dario Amodei, CEO von Anthropic, schätzt, dass fast die Hälfte aller Einstiegsjobs im Bereich Technologie, Finanzen, Recht und Beratung durch KI ersetzt oder eliminiert werden könnte. Das sind genau die Karrierewege, die traditionell als sicher galten.
Die Wissensarbeiter-Revolution
Anwälte, Buchhalter, Berater: Berufe, die auf der Verarbeitung von Informationen basieren, sind besonders exponiert. Eine Evercore-Analyse schätzt, dass etwa ein Drittel der Funktionen in einem durchschnittlichen US-Job durch generative KI automatisiert oder unterstützt werden kann. In datenlastigen Sektoren wie Finanzen, Recht und Beratung liegt der Anteil deutlich höher.
Die Transformation ist bereits im Gange. Automatische Dokumentenanalyse und Abstimmung beschleunigen den Jahresabschluss in der Buchhaltung. KI-gestützte Due-Diligence-Prozesse durchsuchen öffentliche Finanzdaten. Im Rechtsbereich automatisieren Legal-Tech-Tools Mahnschreiben, verfassen Schriftsätze und erledigen Paralegal-Arbeit. Microsoft-CEO Satya Nadella enthüllte, dass inzwischen 30 Prozent des Unternehmens-Codes von KI geschrieben werden.
Aber hier liegt die Nuance: Jobs, die mehr als 100.000 Dollar im Jahr zahlen, sind zwar stärker exponiert, aber nicht unbedingt negativ. Gut bezahlte Fachkräfte können KI als Hebel nutzen statt als Konkurrenz. Ein Anwalt mit dokumentensummarisierenden Tools kann Fälle in einem Tempo prüfen, das früher unmöglich war. Die MIT-Studie spricht von »Augmentation«, nicht »Automation«.
Die neuen Jobs
Während alte Berufsbilder verschwinden, entstehen neue. Das Bureau of Labor Statistics prognostiziert fast 900.000 neue Stellen in KI-adaptiven Computer-Berufen bis 2033, angeführt von Software-Entwicklern. Die Nachfrage steigt besonders nach Rollen, die Fachexpertise mit KI-Kompetenz verbinden: KI-Systemarchitekten, Ethik- und Governance-Spezialisten, Human-AI-Collaboration-Designer, Spezialisten für physische KI wie Robotik und autonome Mobilität.
Auch Rollen, die auf Vertrauen, ethischer Aufsicht und Kreativität basieren, gewinnen an Bedeutung: KI-Ethiker, Auditoren, Trainer und »Legal Guarantors«, die rechtliche Verantwortung für KI-generierte Outputs übernehmen. PwCs Global AI Jobs Barometer zeigt: Branchen mit hoher KI-Exposition verzeichnen bis zu dreifach höheres Umsatzwachstum und einen Lohnaufschlag von 56 Prozent für KI-versierte Arbeitnehmer.
Die Zahlen unterstreichen: KI schafft Gewinner und Verlierer, und der Unterschied liegt in der Anpassungsfähigkeit.
Mensch plus Maschine
Die Produktivitätsforschung liefert ein überraschendes Ergebnis. Upworks Human+Agent Productivity Index zeigt: Die Zusammenarbeit von Menschen und KI-Agenten erhöht die Projektabschlussrate um bis zu 70 Prozent im Vergleich zu Agenten, die alleine arbeiten. KI-Agenten scheitern häufig an einfachen realen Projekten. Erst die Kombination mit menschlichen Experten bringt den Durchbruch.
Allerdings gibt es einen versteckten Preis. Harvard Business Review berichtet, dass die Zusammenarbeit mit generativer KI zwar die unmittelbare Arbeitsleistung steigert, aber die intrinsische Motivation der Mitarbeiter untergraben kann. Wenn KI die interessanten Aufgaben übernimmt, empfinden Menschen ihre verbleibende Arbeit als langweiliger.
Fast 90 Prozent der Unternehmen sagen, sie hätten in KI investiert. Weniger als 40 Prozent berichten von messbaren Gewinnen. Das Problem: Die meisten Arbeitsabläufe wurden für eine Vor-KI-Welt entworfen. KI auf einzelne Aufgaben innerhalb dieser Legacy-Prozesse anzuwenden, liefert selten die möglichen Produktivitätsgewinne.
Skills im Wandel
Arbeitgeber erwarten, dass 39 Prozent der Kernkompetenzen bis 2030 wechseln werden. 85 Prozent der Unternehmen planen, ihre Belegschaft umzuschulen, während 63 Prozent Qualifikationslücken als größtes Hindernis für die Unternehmenstransformation identifizieren.
Die Verschiebung geht weg von Informationsverarbeitungs-Skills hin zu interpersonalen und organisatorischen Fähigkeiten. KPMG hat die Richtlinie, KI nicht in Situationen einzusetzen, die menschliches Urteilsvermögen erfordern. In der Wirtschaftsprüfung gibt es viele solcher Fälle: Entscheidungen über Wesentlichkeitsschwellen, Beurteilungen, ob ein Kunde genügend Nachweise vorgelegt hat. Diese Entscheidungen bleiben bei Menschen.
Die Botschaft ist klar: Wer KI als Werkzeug beherrscht, steigert seinen Wert. Wer darauf wartet, von ihr ersetzt zu werden, wird es.
Was das für die Zukunft bedeutet
Das Yale Budget Lab fand keine »substantielle Beschleunigung« in der Veränderung der Arbeitsmarkt-Zusammensetzung seit der Einführung von ChatGPT. Goldman Sachs schätzt, dass die Arbeitslosigkeit während der KI-Transition nur um einen halben Prozentpunkt steigen wird. Die Transformation ist real, aber evolutionär, nicht revolutionär.
Für Berufseinsteiger ist die Botschaft unangenehm: Der traditionelle Einstieg über Junior-Positionen wird schwieriger. Unternehmen können Routineaufgaben, die früher Anfängern zugewiesen wurden, automatisieren. Das Apprenticeship-Modell, bei dem junge Fachkräfte durch praktische Arbeit lernen, steht vor einer Neubewertung.
Für erfahrene Fachkräfte ist die Botschaft gemischt: Wer KI-Tools adoptiert, kann seinen Output vervielfachen. Wer sie ignoriert, riskiert, von Kollegen überholt zu werden, die es nicht tun. In der Anwaltschaft etwa sind die Einstellungen von Erstsemester-Anwälten auf Rekordniveau, aber die Art der Arbeit, die sie tun, verändert sich fundamental.
Senator Josh Hawley hat mit dem AI-Related Jobs Impacts Clarity Act einen Gesetzesentwurf eingebracht, der Unternehmen verpflichten würde, KI-bedingte Entlassungen an das Arbeitsministerium zu melden. Experten prognostizieren, dass KI die Arbeitslosigkeit in den nächsten fünf Jahren auf 10 bis 20 Prozent treiben könnte, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden.
Die Zukunft der Arbeit ist nicht KI versus Mensch. Es ist KI plus Mensch gegen Mensch allein. Und in diesem Rennen ist Stillstand keine Option.