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KI-Trading und Krypto-Betrug: Anatomie einer Milliarden-Industrie

KI-Trading und Krypto-Betrug: Anatomie einer Milliarden-Industrie

Ein 82-jähriger Rentner in den USA hatte seine gesamten Ersparnisse verloren, 690.000 Dollar, investiert in eine Kryptowährungs-Plattform, die ihm von Elon Musk persönlich empfohlen worden war. Das Problem: Es war nicht Elon Musk. Es war ein Deepfake, ein KI-generiertes Video, das so überzeugend war, dass der Mann keinen Moment an seiner Echtheit zweifelte.

Diese Geschichte ist keine Ausnahme. Sie ist symptomatisch für eine Betrugsindustrie, die 2024 nach Schätzungen von Chainalysis 9,9 Milliarden Dollar umsetzte, eine Zahl, die wahrscheinlich auf einen Rekordwert von 12,4 Milliarden Dollar nach oben korrigiert werden wird, sobald weitere betrügerische Wallets identifiziert sind. Die erste Hälfte von 2025 hat bereits über drei Milliarden Dollar an gestohlenen Kryptowährungen gesehen. Was diese Zahlen nicht erfassen, ist das menschliche Leid dahinter: zerstörte Altersvorsorgen, zerbrochene Familien, Menschen, die sich das Leben nahmen, weil sie alles verloren hatten.

Künstliche Intelligenz hat die Landschaft des Krypto-Betrugs fundamental verändert. Berichte über KI-gestützte Scams stiegen zwischen Mitte 2024 und Mitte 2025 um 456 Prozent. Deepfake-Betrügereien nahmen zwischen 2023 und 2025 um 900 Prozent zu. Sechzig Prozent aller Einzahlungen auf betrügerische Wallets fließen mittlerweile in Schemes, die KI-Tools nutzen. Die Technologie, die das Potenzial hat, unser Leben zu verbessern, wird systematisch eingesetzt, um Menschen zu ruinieren.

Die Anatomie des falschen Versprechens

Das grundlegende Versprechen, das alle diese Betrügereien verbindet, ist so alt wie die Gier selbst: garantierte Renditen bei minimalem Risiko. Was sich geändert hat, ist die Raffinesse, mit der dieses Versprechen verpackt wird. Die US-amerikanische Commodity Futures Trading Commission (CFTC) hat eine deutliche Warnung herausgegeben: KI-Technologie kann die Zukunft nicht vorhersagen und plötzliche Marktveränderungen nicht antizipieren. Betrüger behaupten, ihre KI-Algorithmen könnten astronomische Renditen generieren oder »100-prozentige Erfolgsquoten« erzielen. Das ist technisch unmöglich.

Im Dezember 2025 erhob die US-Börsenaufsicht SEC Anklage gegen mehrere angebliche Krypto-Handelsplattformen und »Investment Clubs«, die Kleinanleger um mehr als 14 Millionen Dollar betrogen hatten. Das Schema war typisch: Die Betrüger operierten über WhatsApp-Gruppen und warben Investoren mit Anzeigen in sozialen Medien. Sie gewannen das Vertrauen der Opfer mit angeblich »KI-generierten Investment-Tipps«, bevor sie sie dazu brachten, Konten auf gefälschten Handelsplattformen zu eröffnen. In Wirklichkeit fand auf diesen Plattformen kein Handel statt. Die angepriesenen »Security Token Offerings« und die Unternehmen, die sie angeblich ausgaben, existierten nicht.

Wenn Opfer versuchten, ihr Geld abzuheben, wurden sie mit neuen Forderungen konfrontiert: Sie müssten erst »Gebühren« oder »Steuern« zahlen, bevor eine Auszahlung möglich sei. Diese Taktik, bekannt als »Advance Fee Fraud«, zog den Opfern noch mehr Geld aus der Tasche, bevor sie erkannten, dass sie betrogen worden waren.

Das Gesicht des Milliardärs: Deepfakes als Werkzeug

Elon Musk ist die am häufigsten missbrauchte Persönlichkeit für Deepfake-Betrügereien. Eine Studie der KI-Firma Sensity bestätigte, was viele bereits vermutet hatten: Sein Reichtum, sein Unternehmertum und vor allem die schiere Menge an Video- und Audiomaterial, das von ihm online verfügbar ist, machen ihn zum idealen Ziel. Je mehr Originalinhalte existieren, desto überzeugender können die Fälschungen werden.

Die Verluste durch Deepfake-Betrug haben 897 Millionen Dollar kumuliert erreicht, wovon 410 Millionen allein auf die erste Hälfte von 2025 entfallen. In einem dokumentierten Fall zog ein gefälschter Livestream mit Musks Abbild in weniger als zwei Stunden über 50.000 Dollar von Opfern ab. Die Videos verbreiten sich über YouTube und X, oft als scheinbar legitime Interviews oder Ankündigungen getarnt. Sie bewerben Plattformen wie »Quantum AI«, die angeblich automatisch Gewinne generieren.

Die 62-jährige Gesundheitsarbeiterin, die mehr als 10.000 Dollar verlor, dachte, sie tätige eine kluge Investition. Der 82-jährige Rentner mit seinen 690.000 Dollar war überzeugt, Musk persönlich zu folgen. Beide Fälle sind dokumentiert. Beide Opfer werden ihr Geld nie zurückbekommen.

Symbolische Darstellung eines digitalen Einbrechers, der Kryptowährungen stiehlt
KI-gestützte Betrugsmaschen haben 2024 schätzungsweise 12,4 Milliarden Dollar erbeutet.

Die langsame Schlachtung: Pig Butchering

Der Begriff klingt brutal, und das ist beabsichtigt. »Pig Butchering« beschreibt eine Betrugsmethode, bei der Opfer über Wochen oder Monate hinweg »gemästet« werden, bevor sie »geschlachtet« werden, sprich: ihres Geldes beraubt. Die Betrüger bauen über Dating-Apps oder soziale Medien scheinbar romantische Beziehungen auf. Sie sind geduldig, charmant, aufmerksam. Erst wenn das Vertrauen gefestigt ist, kommt die Empfehlung: eine Investitionsmöglichkeit, die zu gut ist, um sie zu verpassen.

Chainalysis berichtet, dass die Einnahmen aus Pig-Butchering-Betrügereien 2024 um fast 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen sind. Die Anzahl der Einzahlungen auf solche Scam-Wallets wuchs sogar um 210 Prozent. Das deutet auf eine Expansion des Opferpools hin: mehr Opfer, dafür geringere individuelle Beträge. Die Demokratisierung des Betrugs, wenn man so will.

KI hat diese Methode skalierbar gemacht. Generative KI ermöglicht die Erstellung überzeugender falscher Profile, die automatische Übersetzung von Nachrichten in Dutzende von Sprachen, die Generierung konsistenter Persönlichkeiten über lange Zeiträume. Was früher Hunderte von menschlichen Betrügern erforderte, kann nun von einem kleinen Team mit den richtigen Werkzeugen betrieben werden.

Die Infrastruktur des Verbrechens: Huione Guarantee

Hinter den einzelnen Betrügereien steht eine Infrastruktur, die Chainalysis als »One-Stop-Shop« für illegale Akteure beschreibt. Huione Guarantee ist ein chinesischsprachiger Online-Marktplatz, der mit der kambodschanischen Huione Group verbunden ist, einem Konglomerat, das auch legitime Dienstleistungen wie Überweisungen und Versicherungen anbietet. Das Unternehmen gehört einem Cousin des amtierenden kambodschanischen Premierministers Hun Manet.

Die Zahlen sind erschütternd. Seit 2021 haben Huione Guarantee und Anbieter, die über die Plattform werben, Krypto-Transaktionen im Wert von 70 Milliarden Dollar abgewickelt. Die Nutzerzahl ist auf über 900.000 gestiegen. Allein 2024 erhielten Anbieter von Betrugs-Technologie auf der Plattform mindestens 375,9 Millionen Dollar in Kryptowährung. Die erfolgreichsten Anbieter waren KI-Dienste, deren Umsätze im Jahresvergleich um 1.900 Prozent stiegen.

Was wird verkauft? Deepfake-Sprachtechnologie. KI-generierte Identitäten. Synthetische Verifizierungstools, die Identitätsprüfungen umgehen können. »Face-Changing Services« für 200 Dollar in Kryptowährung. Zielgerichtete Datenlisten, Webhosting, Social-Media-Accounts. Alles, was ein angehender Betrüger braucht, um sein Geschäft zu starten.

Die dunkelste Seite: Menschenhandel

Die Betrugsoperationen, die von Huione Guarantee unterstützt werden, haben eine Dimension, die über finanziellen Schaden hinausgeht. In Kambodscha, Myanmar und Laos existieren Compounds, in denen Menschen unter Zwang arbeiten. Sie wurden oft mit falschen Jobangeboten angelockt, ihre Pässe wurden konfisziert, und nun sind sie gezwungen, Tag für Tag Hunderte von Betrugsanrufen zu tätigen.

Elliptic-Forscher haben elektrifizierte Fesseln dokumentiert, die für widerspenstige Arbeiter gedacht sind. Wer seine Quote nicht erfüllt, wird bestraft. Wer zu fliehen versucht, riskiert sein Leben. Die Opfer der Betrügereien sind nicht nur diejenigen, die Geld verlieren. Es sind auch diejenigen, die zu Komplizen gemacht werden, ohne jemals eine Wahl gehabt zu haben.

Chinesische kriminelle Syndikate orchestrieren diese Operationen, traffiken Opfer in die Compounds und nutzen KI-Tools, um die Arbeit der Gefangenen zu ergänzen. Die Ironie ist bitter: Dieselbe Technologie, die als Werkzeug der Befreiung gefeiert wird, dient hier der Versklavung.

Die Stimme der Familie: Voice Cloning

Eine andere Form des KI-gestützten Betrugs zielt nicht auf Investoren, sondern auf Familien. Mit nur drei Sekunden Audiomaterial kann eine KI heute eine Stimme so überzeugend klonen, dass selbst enge Familienmitglieder getäuscht werden. Die Methode wird vor allem für sogenannte »Grandparent Scams« genutzt: Ein Anruf kommt, die Stimme klingt genau wie die Enkelin oder der Sohn, und sie behauptet, in einer Notlage zu sein. Ein Unfall, eine Verhaftung, eine Entführung. Geld wird dringend gebraucht, am besten in Kryptowährung oder Geschenkkarten.

Dokumentierte Verluste durch Deepfake-basierten Betrug überstiegen allein im ersten Quartal 2025 die Marke von 200 Millionen Dollar, und das sind nur die gemeldeten Fälle. In Saskatoon verloren fünf Senioren im November zusammen 45.000 Dollar durch solche Anrufe. Die Großmutter, die die Stimme ihrer Enkelin zu hören glaubte, erfuhr erst später, dass es ein Betrug war.

Die Empfehlung der Experten: Vereinbaren Sie ein Familienpasswort, eine geheime Phrase, die nur Familienmitglieder kennen. Wenn jemand anruft und behauptet, in Not zu sein, verlangen Sie das Passwort, bevor Sie handeln. Es klingt paranoid. Es kann Tausende Dollar retten.

Die Meme-Coin-Falle

Nicht alle Krypto-Betrügereien erfordern aufwändige KI. Manche nutzen einfach die Gier und FOMO (Fear of Missing Out) der Anleger aus. 2024 verloren Investoren über 500 Millionen Dollar durch Meme-Coin-Rug-Pulls und Scams. Auf der Plattform Pump.fun, die es ermöglicht, mit wenigen Klicks eigene Token zu erstellen, waren laut einem Bericht von Solidus Labs 98,6 Prozent aller gestarteten Token Rug-Pulls oder Pump-and-Dump-Schemes.

Die Beispiele sind zahlreich. Der HAWK-Token, verbunden mit dem viralen Star Hailey Welch, erreichte eine Marktkapitalisierung von 500 Millionen Dollar, bevor er innerhalb von Stunden um über 90 Prozent abstürzte. On-Chain-Daten zeigten, dass nur 3 bis 4 Prozent der Token der Öffentlichkeit zugänglich waren; 96 Prozent wurden von Insider-Wallets gehalten. Der LIBRA-Meme-Coin, beworben vom argentinischen Präsidenten, kollabierte mit 250 Millionen Dollar an Investorenverlusten. Selbst die TRUMP- und MELANIA-Token, die der US-Präsident und die First Lady in sozialen Medien bewarben, sind mittlerweile um 87 bzw. 97 Prozent gefallen, während Insider Berichten zufolge mehr als 100 Millionen Dollar abschöpften.

KI spielt auch hier eine Rolle. Betrüger nutzen generative KI, um überzeugende Whitepapers zu erstellen, gefälschte Audits zu produzieren und synthetische Teamprofile zu generieren. Eine Analyse von CertiK ergab, dass fast die Hälfte aller Ethereum-basierten Token, die zwischen Ende 2023 und Mitte 2024 in Telegram-Gruppen beworben wurden, Rug-Pull-Schemes waren.

Wie man sich schützt

Die Warnzeichen sind bekannt, werden aber regelmäßig ignoriert, weil die Verlockung des schnellen Geldes zu groß ist. Garantierte Renditen sind das offensichtlichste rote Signal. Keine legitime Investition kann Gewinne garantieren. Kein Algorithmus, egal wie fortschrittlich, kann die Zukunft vorhersagen. Wenn jemand Ihnen erzählt, sein KI-Bot habe eine »100-prozentige Erfolgsquote«, lügt er.

Weitere Warnzeichen: Druck, schnell zu handeln. Unbekannte, die Sie in WhatsApp- oder Telegram-Investmentgruppen einladen. Prominente, die Investitionsmöglichkeiten bewerben, besonders in Videos, die Sie nicht unabhängig verifizieren können. Plattformen, die Gebühren verlangen, bevor Sie Ihr Geld abheben können. Anonyme Teams ohne verifizierbaren Track Record. URLs mit subtilen Rechtschreibfehlern.

Die SEC rät: Verlassen Sie sich niemals allein auf Informationen aus Gruppenchats für Investitionsentscheidungen. Nutzen Sie offizielle Ressourcen wie Investor.gov, um den Hintergrund von Personen oder Firmen zu überprüfen, die Ihnen Investitionen anbieten. Aktivieren Sie Zwei-Faktor-Authentifizierung, klicken Sie nicht auf unbekannte Links, speichern Sie langfristige Bestände in Hardware-Wallets und teilen Sie niemals Ihre Seed Phrase.

Die Antwort der Regulierer

Die Regulierungsbehörden reagieren, wenn auch langsamer, als die Technologie voranschreitet. Die CFTC hat öffentlich vor KI-Trading-Bots gewarnt. Die SEC hat im Dezember 2025 Anklage gegen die WhatsApp-Betrüger erhoben. Die FTC warnt vor Deepfakes und Voice Cloning. 48 von 50 US-Bundesstaaten haben mittlerweile Deepfake-Gesetzgebung verabschiedet.

Die Nationalbank von Kambodscha hat Huione Pay die Banklizenz entzogen, als Reaktion auf internationalen Druck. Doch die Plattform hat sich angepasst: Sie hat ein Blockchain-Projekt namens Xone und einen Stablecoin namens USDH gestartet, offenbar um regulatorische Aufsicht und Vermögensbeschlagnahmungen zu umgehen. Die Plattform hat sich kürzlich in »Haowang Guarantee« umbenannt, vermutlich um Distanz zur kompromittierten Marke zu schaffen.

Die Lücke zwischen der Geschwindigkeit des Betrugs und der Geschwindigkeit der Regulierung bleibt erheblich. Bis ein Gesetz verabschiedet ist, haben die Betrüger längst neue Methoden entwickelt. Bis ein Urteil gesprochen ist, sind die Täter oft verschwunden, das Geld gewaschen, die Opfer vergessen.

Das Wesen der Verlockung

Es wäre einfach, die Opfer dieser Betrügereien als naiv oder gierig abzustempeln. Es wäre auch falsch. Die Betrüger nutzen fundamentale menschliche Bedürfnisse aus: den Wunsch nach finanzieller Sicherheit, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, das Vertrauen in scheinbar kompetente Autoritäten, die Liebe zu Familienmitgliedern. Sie nutzen Technologien, die so überzeugend sind, dass selbst Experten getäuscht werden können.

Die 97 Prozent der Menschen, die laut einer Deezer-Studie KI-generierte Musik nicht von menschengemachter unterscheiden können, sind dieselben Menschen, die Deepfakes nicht erkennen. Die Technologie ist zu gut geworden. Die alten Heuristiken, die uns vor Betrug schützten, pixelige Videos, steife Lippenbewegungen, unnatürliche Sprache, funktionieren nicht mehr.

Was bleibt, ist Skepsis. Nicht Paranoia, aber gesunde Vorsicht. Die Annahme, dass alles, was zu gut klingt, um wahr zu sein, wahrscheinlich nicht wahr ist. Die Gewohnheit, zu verifizieren, bevor man handelt. Das Wissen, dass Elon Musk Ihnen niemals persönlich eine Investitionsmöglichkeit empfehlen wird, egal wie überzeugend das Video aussieht.

Der 82-jährige Rentner, der seine Ersparnisse verlor, wird sie nie zurückbekommen. Die Menschen in den Compounds in Myanmar, die zu Komplizen gemacht wurden, werden vielleicht nie befreit. Die einzige Gewissheit ist, dass die Betrüger weitermachen werden, solange es Opfer gibt, die ihnen glauben. Die beste Verteidigung ist, kein Opfer zu werden.