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KI in der Kunst: Zwischen Werkzeug und Widerstand

KI in der Kunst: Zwischen Werkzeug und Widerstand

Ich erinnere mich noch an den Moment, als ich zum ersten Mal ein Bild sah, das eine KI gemalt hatte. Es war 2022, kurz nachdem Jason Allen mit seinem Werk »Théâtre D'opéra Spatial« den ersten Platz bei der Colorado State Fair gewonnen hatte, in der Kategorie digitale Kunst. Das Bild zeigte eine barocke Opernszene, durchflutet von goldenem Licht, mit Figuren in wallenden Gewändern, die durch ein monumentales Fenster in eine fremde Welt blickten. Es war schön. Es war verstörend. Und es stellte eine Frage, die mich seitdem nicht mehr losgelassen hat: Was bedeutet es, wenn Maschinen Kunst machen können?

Allen hatte das Bild mit Midjourney erstellt, einem KI-Tool, das Text in Bilder verwandelt. Er hatte 80 Stunden damit verbracht, den perfekten Prompt zu formulieren, über 900 Versionen generiert, in Photoshop nachbearbeitet. Die Juroren wussten nicht, dass ein KI-Tool beteiligt war, obwohl Allen es deklariert hatte. Sie hätten trotzdem dafür gestimmt, sagte eine Jurorin später. Es sei ein schönes Werk mit einer klaren Vision gewesen.

Die Kunstwelt explodierte. Künstler fühlten sich betrogen. Kommentatoren sprachen vom Tod der Kunst. Allen verteidigte sich: Er habe eine Vision gehabt und sie verwirklicht. Dass er dabei ein neues Werkzeug benutzt hatte, mache ihn nicht weniger zum Künstler. Diese Debatte, so stellte sich heraus, war erst der Anfang.

Die Werkzeuge der neuen Kunst

Wer heute KI-Kunst erstellen will, hat die Wahl zwischen mehreren mächtigen Systemen. Midjourney, entstanden aus einem kleinen Forschungslabor, hat sich als Favorit für ästhetisch anspruchsvolle Bilder etabliert. Die neueste Version 7 erzeugt Bilder von einer Qualität, die vor drei Jahren noch undenkbar gewesen wäre: hyperrealistische Porträts, atmosphärische Landschaften, Stilrichtungen von Renaissance bis Cyberpunk. Über 50 Millionen Menschen weltweit nutzen mittlerweile Text-zu-Bild-Generatoren.

OpenAIs DALL-E, mittlerweile in der vierten Version, punktet mit Präzision. Wenn ich genau beschreibe, was ich sehen will, liefert DALL-E es zuverlässiger als die Konkurrenz. Für kommerzielle Anwendungen, Produktvisualisierungen, Marketingmaterial, ist das oft wichtiger als künstlerische Stimmung.

Stable Diffusion geht einen anderen Weg. Als Open-Source-Projekt kann es jeder herunterladen, modifizieren, auf eigenen Daten trainieren. Wer technisches Know-how mitbringt, kann damit Dinge tun, die mit den kommerziellen Diensten unmöglich wären. Die Lernkurve ist steil, aber die Kontrolle ist total.

Abstrakte Visualisierung von KI-generierten Kunstwerken in verschiedenen Stilen
Generative KI-Systeme können heute nahezu jeden künstlerischen Stil imitieren und kombinieren.

Aber die Entwicklung geht weiter. 2025 sind wir bei multimodalen Systemen angekommen, die nicht nur Bilder, sondern auch Videos, 3D-Objekte und sogar interaktive Kunstwerke generieren können. Googles Veo-3 erstellt Videos mit synchronem Ton. Midjourney testet einen Video-Generator. Die Grenzen zwischen Medien verschwimmen, und mit ihnen die Grenzen dessen, was wir unter »generativer Kunst« verstehen.

Wenn Daten zu Kunstwerken werden

Einer der faszinierendsten Künstler, die mit KI arbeiten, ist Refik Anadol. Der türkisch-amerikanische Medienkünstler macht nicht Bilder mit KI, er macht KI sichtbar. Seine Installationen verwandeln Datensätze in lebende Skulpturen aus Licht und Bewegung: Millionen von Korallenbildern werden zu einem pulsierenden digitalen Ozean, Archivdaten von Naturkundemuseen zu einem sich ständig wandelnden Porträt der Erde.

2024 stellte Anadol sein »Large Nature Model« vor, ein KI-System, das ausschließlich auf Naturdaten trainiert wurde: Bilder, Klänge, wissenschaftliche Forschung. Die daraus entstehenden Werke, »Echoes of the Earth« genannt, wurden in London, Seoul und bald auch in Los Angeles gezeigt. Dataland, das weltweit erste Museum für KI-Kunst, soll 2026 eröffnen.

Was Anadol macht, unterscheidet sich fundamental vom Midjourney-Prompten. Er kuratiert Daten, trainiert eigene Modelle, arbeitet mit Wissenschaftlern und Institutionen zusammen. Die KI ist nicht das Werkzeug, sie ist das Medium. Seine Werke existieren in einem Zustand permanenter Veränderung, generiert in Echtzeit, niemals zweimal identisch. Das ist keine Imitation traditioneller Kunst mit neuen Mitteln. Es ist etwas genuiner Neues.

Die Frage des Urheberrechts

Im März 2025 entschied ein US-Berufungsgericht: Kunst, die autonom von KI erschaffen wurde, kann nicht urheberrechtlich geschützt werden. Der Fall betraf Stephen Thaler, der für ein von seiner KI »DABUS« generiertes Bild namens »A Recent Entrance to Paradise« Urheberrechtsschutz beantragt hatte. Das Gericht war eindeutig: Ohne menschliche Urheberschaft kein Copyright.

Gleichzeitig laufen Dutzende Klagen in die andere Richtung. Künstler verklagen die KI-Unternehmen, weil deren Modelle auf urheberrechtlich geschützten Werken trainiert wurden, oft ohne Zustimmung. Der prominenteste Fall, Andersen gegen Stability AI, wird 2026 vor Gericht gehen. Es geht um den LAION-Datensatz mit fünf Milliarden Bildern, die aus dem Internet zusammengetragen wurden.

Die rechtliche Landschaft ist ein Flickenteppich. In einem Fall entschied ein Gericht, dass Meta urheberrechtlich geschützte Bücher für das Training verwenden durfte. In einem anderen durfte der Vorwurf der Piraterie gegen Anthropic weiter verfolgt werden. Das US Copyright Office hat klargestellt: Wenn KI nur assistiert, ändert das nichts an der Schutzfähigkeit. Wenn aber der Output vollständig von KI generiert wird, gibt es keinen Schutz.

Für Künstler bedeutet das eine paradoxe Situation. Sie können verklagen, wenn ihre Werke für Training verwendet wurden. Aber was mit diesen Trainingsdaten gemacht wird, die generierten Bilder, gehört niemandem. Oder doch? Jason Allen, dessen »Théâtre D'opéra Spatial« den Wettbewerb gewann, wurde der Copyright-Schutz verweigert. Er argumentiert, dass er mehr als 80 Stunden kreative Arbeit investiert hat. Das Gericht sah das anders.

Die Perspektive der Künstler

Eine Umfrage der Association of Illustrators unter fast 7.000 Illustratoren ergab: Jeder dritte hat bereits Aufträge an KI verloren. Der durchschnittliche Einkommensverlust liegt bei fast 12.500 Dollar. Über 90 Prozent glauben, dass die aktuelle Opt-out-Regelung, bei der Künstler aktiv widersprechen müssen, um nicht trainiert zu werden, ihrem Geschäft ernsthaft schadet.

Manche Künstler haben die Branche verlassen. Andere kämpfen, lernen neue Werkzeuge, passen sich an. Die Wahrheit ist: KI kann bei der schnellen Visualisierung helfen, sie kann Variationen erzeugen, sie kann das Skillset eines Künstlers erweitern. Aber sie kann, zumindest noch nicht, die Intentionalität ersetzen, die menschliche Kreative in ihre Arbeit bringen.

»Illustration, die von einem Menschen geschaffen wurde, ist ein visuelles Gespräch mit dem Betrachter«, sagte ein Illustrator in einer Studie. »Dieses Maß an Authentizität geht verloren, wenn am Anfang kein menschlicher Schöpfer steht.« Die Frage ist, ob der Markt das honoriert, ob Kunden bereit sind, mehr für menschliche Kreativität zu zahlen, oder ob der billigere, schnellere KI-Output gewinnt.

Kunst ohne Seele?

Die philosophische Debatte dreht sich um einen Kernbegriff: Authentizität. Walter Benjamin sprach von der »Aura« eines Kunstwerks, jener einzigartigen Qualität, die aus seiner Geschichte, seiner Materialität, seiner Einmaligkeit entsteht. KI-generierte Kunst stellt diesen Begriff radikal in Frage. Ein Bild, das in Millisekunden aus statistischen Mustern entsteht, das beliebig oft identisch reproduziert werden kann, hat keine Aura im traditionellen Sinn.

Kritiker argumentieren, dass KI-Kunst emotionale Tiefe fehle, weil die Systeme auf existierenden Stilen und Daten basieren statt auf persönlichen Erfahrungen. Befürworter entgegnen, dass Originalität nicht auf menschliche Erfahrung beschränkt sein muss, dass aus dem Zusammenspiel von menschlicher Anleitung und maschineller Berechnung etwas Neues entstehen kann.

Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen. Es gibt stumpfes Prompten, das nichts weiter produziert als hübsche Bilder ohne Bedeutung. Und es gibt Künstler wie Refik Anadol, die KI als Medium nutzen, um Aussagen zu treffen, die mit traditionellen Mitteln unmöglich wären. Das Werkzeug allein macht keine Kunst. Aber es verändert, was möglich ist.

Deutschland entdeckt die KI-Kunst

In Deutschland etabliert sich KI-Kunst langsam im institutionellen Rahmen. Das Kunstmuseum Bonn vergibt zum zweiten Mal den »Human AI Art Award«, eine Kooperation mit der Deutschen Telekom. Der diesjährige Gewinner, der französische Filmemacher Nicolas Gourault, zeigt eine ortsspezifische Videoinstallation.

Die Kunsthalle München widmet Miguel Chevalier die erste große deutsche Einzelausstellung. Chevalier arbeitet seit den 1980er Jahren mit digitaler Kunst, seine aktuellen Werke wie »Meta-Nature AI« sind generative, interaktive Installationen, die sich in Echtzeit verändern.

Das Deutsche Museum in Bonn bietet mit »Mission KI« einen zugänglicheren Ansatz: Besucher können verschiedene KI-Systeme ausprobieren, darunter Deep-Learning-Demonstrationen und den humanoiden Roboter AMECA. In Berlin zeigt eine neue immersive Ausstellung 14 interaktive KI-Werke, die auf Bewegung, Klang und Verhalten der Besucher reagieren.

Wo stehen wir?

Zwei Jahre nach Jason Allens Wettbewerbssieg ist die Kunstwelt nicht untergegangen. Aber sie hat sich verändert. KI-Tools sind normaler geworden, gleichzeitig ist die Debatte differenzierter. Es geht nicht mehr nur um die Frage, ob KI »echte« Kunst machen kann. Es geht um konkretere Dinge: Wer profitiert? Wer wird geschädigt? Wie sollten Trainingsdaten reguliert werden? Was bedeutet Urheberschaft im Zeitalter generativer Systeme?

Die Technologie wird besser werden. Die Modelle der nächsten Generation werden noch realistischere Bilder erzeugen, noch überzeugenderen Video, noch beeindruckendere interaktive Installationen. Die Frage ist nicht, ob das passiert, sondern wie wir als Gesellschaft damit umgehen.

Ich denke oft an Anadols »Echoes of the Earth«, diese pulsierenden Visualisierungen von Naturdaten. Sie zeigen etwas, das kein menschlicher Künstler allein erschaffen könnte: die Schönheit in Millionen von Datenpunkten, transformiert in etwas, das wir sehen und fühlen können. Das ist keine Ersetzung menschlicher Kreativität. Es ist eine Erweiterung dessen, was Kreativität sein kann.

Vielleicht ist das die Antwort, die ich gesucht habe. KI in der Kunst ist weder die Apokalypse noch das Paradies. Sie ist ein neues Kapitel in einer Geschichte, die so alt ist wie die Menschheit selbst: die Geschichte davon, wie wir Werkzeuge benutzen, um auszudrücken, was wir fühlen und denken. Die Werkzeuge ändern sich. Die menschliche Sehnsucht, etwas zu schaffen, bleibt.