Zum Hauptinhalt springen

KI als persönlicher Assistent: Zwischen Produktivitätswunder und stiller Abhängigkeit

KI als persönlicher Assistent: Zwischen Produktivitätswunder und stiller Abhängigkeit

Der Morgen, an dem ich es bemerkte

Ich wachte auf und griff zum Handy. Nicht um die Uhrzeit zu checken, sondern um ChatGPT zu fragen, wie ich eine E-Mail formulieren sollte, die ich seit drei Tagen vor mir herschob. Die Antwort kam in Sekunden. Ich kopierte sie, passte zwei Sätze an, schickte ab. Erledigt.

Erst beim Kaffee wurde mir bewusst, was gerade passiert war. Ich hatte nicht nachgedacht. Ich hatte nicht formuliert, verworfen, neu angesetzt. Ich hatte delegiert, an eine Maschine, die besser schreiben kann als ich, zumindest schneller und ohne die emotionale Blockade, die mich tagelang gelähmt hatte.

Das war vor etwa einem Jahr. Seitdem hat sich mein Verhältnis zu KI-Assistenten grundlegend verändert. Sie sind keine Spielerei mehr, kein gelegentliches Werkzeug. Sie sind Teil meines Alltags geworden, so selbstverständlich wie der Browser oder das Smartphone selbst.

Was sie können, was sie nicht können

Die Fähigkeiten moderner KI-Assistenten sind beeindruckend und begrenzt zugleich. Sie können Texte schreiben, zusammenfassen, übersetzen. Sie können Code debuggen, Reiserouten planen, Rezepte anpassen. Sie können erklären, was ich nicht verstehe, und Fragen beantworten, für die ich früher stundenlang recherchiert hätte.

Was sie nicht können: verstehen, was ich wirklich brauche. Sie reagieren auf das, was ich sage, nicht auf das, was ich meine. Wenn ich gestresst bin und nach einer Lösung für ein Problem frage, liefern sie die Lösung. Sie fragen nicht, ob ich vielleicht erst einmal eine Pause brauche. Sie haben keine Intuition, kein Gespür für Kontext jenseits des Gesprächs.

Das klingt offensichtlich. Aber im Alltag vergisst man es leicht. Die Antworten kommen so flüssig, so menschlich formuliert, dass man beginnt, dem Assistenten Eigenschaften zuzuschreiben, die er nicht hat. Empathie. Verständnis. Interesse an meinem Wohlergehen.

Mein Workflow heute

Ich nutze KI-Assistenten für fast alles, was mit Text zu tun hat. Erste Entwürfe von E-Mails, wenn ich nicht weiß, wie ich anfangen soll. Zusammenfassungen von langen Artikeln, die ich lesen sollte, aber für die mir die Zeit fehlt. Brainstorming, wenn ich feststecke. Übersetzungen, die besser sind als alles, was Google Translate vor fünf Jahren liefern konnte.

Für Code ist es ähnlich. Ich beschreibe, was ich bauen will, und bekomme einen Ausgangspunkt. Nicht perfekt, oft nicht einmal gut, aber ein Anfang. Das leere Blatt, der blinkende Cursor, sie haben ihren Schrecken verloren.

Am wertvollsten finde ich die Assistenten als Gesprächspartner für Ideen. Ich erkläre ein Problem, und sie stellen Fragen oder bieten Perspektiven an, an die ich nicht gedacht hatte. Nicht weil sie klüger wären, sondern weil sie anders denken, oder besser gesagt, weil sie gar nicht denken, sondern Muster reproduzieren, die manchmal überraschend nützlich sind.

Die schleichende Veränderung

Was mich nachdenklich macht, ist nicht, was die Assistenten tun. Es ist, was sie mit mir tun.

Ich merke, dass ich seltener selbst formuliere. Warum sollte ich zwanzig Minuten an einem Text feilen, wenn die KI in zwanzig Sekunden etwas produziert, das gut genug ist? Die Antwort, dass der Prozess des Schreibens auch ein Prozess des Denkens ist, überzeugt mich intellektuell. Praktisch wähle ich trotzdem oft die schnelle Lösung.

Ich merke auch, dass meine Toleranz für Schwierigkeit sinkt. Früher hätte ich mich durch ein komplexes Problem gekämpft, hätte die Frustration ausgehalten, wäre am Ende stolz gewesen. Heute frage ich nach zehn Minuten die KI. Manchmal ist das effizient. Manchmal ist es eine verpasste Gelegenheit zu lernen.

Und ich merke, dass ich abhängiger werde. Nicht im dramatischen Sinne, nicht so, dass ich ohne KI nicht funktionieren könnte. Aber in dem Sinne, dass sich meine Arbeitsweise so verändert hat, dass ein Zurück merkwürdig wäre. Wie E-Mail. Wie das Internet selbst.

Die Frage der Authentizität

Wenn ich einen Text mit KI-Unterstützung schreibe, wer ist dann der Autor? Die Frage ist weniger philosophisch, als sie klingt. Sie hat praktische Konsequenzen.

Ich habe mich entschieden, transparent damit umzugehen. Wenn ein Text im Kern von mir stammt und die KI beim Formulieren geholfen hat, ist er meiner. Wenn die KI den Großteil geschrieben hat und ich nur korrigiert habe, sage ich das. Die Grauzone dazwischen ist groß, und ich navigiere sie nach Gefühl.

Was ich nicht tue: so tun, als hätte ich alles selbst geschrieben, wenn das nicht stimmt. Nicht aus moralischen Gründen, oder nicht nur. Sondern weil es sich falsch anfühlt. Weil ich wissen will, was ich kann und was die Maschine kann. Weil diese Unterscheidung mir wichtig ist, auch wenn sie vielen egal sein mag.

Was kommt als Nächstes

Die Assistenten werden besser werden. Sie werden mehr Kontext behalten, werden meine Vorlieben lernen, werden proaktiver werden. Irgendwann werden sie nicht mehr warten, bis ich frage, sondern vorschlagen, was ich vielleicht brauchen könnte.

Das ist bequem und beunruhigend zugleich. Bequem, weil es Zeit spart und Reibung reduziert. Beunruhigend, weil die Grenze zwischen Werkzeug und Entscheider verschwimmt. Wer bestimmt, was ich brauche? Ich oder der Algorithmus, der mich besser zu kennen glaubt als ich mich selbst?

Ich habe keine Antwort. Nur die Absicht, wach zu bleiben. Die Assistenten zu nutzen, ohne mich von ihnen nutzen zu lassen. Zu delegieren, ohne zu vergessen, wie man die Dinge selbst tut. Es ist ein Balanceakt, und ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn beherrsche.

Aber ich versuche es. Jeden Tag, mit jedem Prompt, mit jeder Entscheidung, ob ich selbst denke oder die Maschine frage. Das ist vielleicht das Beste, was man tun kann: bewusst bleiben in einer Welt, die es uns so leicht macht, das nicht zu sein.